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22. August 2018, News in Medizin & Forschung

Ein Job unter Zeitdruck für Patienten in Not

Interview: Peter Stadtherr aus Heidelberg organisiert Stammzelltransplantationen

Zeitdruck gehört für ihn zum ganz normalen Arbeitsalltag. Sein Job ist oftmals spannungsreich, denn er steckt voller Verantwortung für Patienten in Not. Peter Stadtherr (56) ist seit 1999 Transplantationskoordinator für allogene Knochenmark- und Stammzelltransplantationen in der Abteilung Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Heidelberg, Zentrum für Innere Medizin V. Der erfahrene Koordinator organisiert und managt gemeinsam mit einer Kollegin die komplexen und interdisziplinären Abläufe von rund 125 Transplantationen pro Jahr für Patienten, die vornehmlich an Blutkrebserkrankungen, Lymphomen, Multiplen Myelomen oder Myelodysplastischen Syndromen leiden. Sein Ziel: dafür sorgen, dass die Patienten auf seiner Station pünktlich und reibungslos ihr lebensrettendes Stammzelltransplantat erhalten – eine Aufgabe, die nur in enger Zusammenarbeit mit den Patienten, Angehörigen, den behandelnden Ärzten, der Spenderdatei und dem Stammzellentnahmezentrum zu bewältigen ist. Im Interview erzählt er über Patienten, Professionalität, seinen spannendsten Fall und persönliche Beweggründe, die ihn immer wieder motivieren, sein Bestes zu geben.

Herr Stadtherr, wie sind Sie eigentlich zu Ihrem heutigen Beruf als Transplantationskoordinator gekommen?

Ich habe meinen Zivildienst in der Uniklinik in Mainz absolviert und danach eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Anschließend war ich auf der Station für Knochenmarktransplantationen eingesetzt, ehe ich 1991 nach Heidelberg gezogen bin. Auch dort habe ich zunächst als Pfleger auf der KMT-Station gearbeitet, bis 1999 die Stelle als Transplantationskoordinator geschaffen wurde. Das war damals eine völlig neue Aufgabe und ich habe mich gefreut, diesen Bereich mit aufbauen zu können. Das war total spannend – alles war völlig neu und ich musste erst lernen, welche Spielregeln es gibt und wie wir die Prozesse aufsetzen.

Das hört sich nach aufregendem Neuland an. Wie ist es ihnen gelungen, sich schnell einzuarbeiten?

Zunächst einmal habe ich einen Lehrgang für TC-Koordinatoren beim National Marrow Donor Program (NMDP) in den USA absolviert. Im Rahmen eines Meetings habe ich dort wiederum andere Kollegen von anderen Kliniken getroffen, die mich mit ihrem Know-how unterstützt haben und mit denen ich mich austauschen konnte. Das hat mir in der Anfangszeit sehr geholfen. Deshalb finde ich es auch schade, dass es in Deutschland bisher keinen verpflichtenden Lehrgang für neue TC-Koordinatoren gibt. Gemeinsame Workshops – so wie der DKMS-Workshop für alle deutschen TC-Koordinatoren im April oder das ZKRD-Meeting – sind aus diesem Grund wirklich umso wichtiger.

Was  gehört denn alles so zu Ihren Aufgaben und wie müssen wir uns Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Wir arbeiten hier in einem interdisziplinären Team und ganz wichtig für uns ist: Der Patient steht immer im Mittelpunkt. Einmal wöchentlich haben wir eine allogene Stammzelltransplantations-Konferenz, in der alle Entscheidungen getroffen werden. Dort besprechen wir gemeinsam mit den Ärzten die einzelnen aktuellen Patientenfälle. Bei einem positiven Votum für eine Stammzelltransplantation veranlasse ich zunächst die Typisierung der Familienmitglieder des Patienten, vor allem der Geschwister. Danach erklären wir dem Patienten und seiner Familie genau, welche Schritte wir jetzt einleiten und wie alles abläuft. Kommt kein Familienspender infrage, treffen wir die Vorbereitungen für einen Suchlauf nach einem Fremdspender. Da arbeiten wir eng mit unserer eigenen Sucheinheit hier in Heidelberg zusammen.

Und was passiert, wenn ein Fremdspender gefunden werden kann?

Wenn dann ein Fremdspender ermittelt werden kann, organisiere ich gemeinsam mit der Spenderdatei, die den Spender betreut, den so genannten Work-Up – das heißt,  wir planen alles, damit die Transplantation am Tag X reibungslos stattfinden kann. Dazu gehört auch, mit den Ärzten und Radiologen bei uns zu besprechen, wie die Konditionierung des Patienten vorher bei uns abläuft, damit alles zeitlich passt. Wann beginnt die vorbereitende Chemotherapie? Bekommt er eine Ganzkörperbestrahlung? Und natürlich gibt es auch eine Menge Papierkram zu erledigen – Einverständniserklärungen einholen, Formulare ausfüllen und so weiter. Auch die relevanten medizinischen Daten des Spenders müssen mit denen des Empfängers zusammengeführt werden.

Was muss man dabei besonders beachten?

Der Zeitfaktor, denn oft muss es schnell gehen und wir wollen natürlich alles so bestmöglich in die Wege leiten, dass der Patient schnell transplantiert werden kann. Alles muss passen und alle Schritte ineinandergreifen. Manchmal kommt es auch zu kurzfristigen Verschiebungen der Transplantation, zum Beispiel wenn der Patient plötzlich einen Infekt hat oder ein Spender aus medizinischen Gründen nicht freigegeben wird, weil er vielleicht ebenfalls kurzfristig akut krank geworden ist. Dann muss ich umgehend reagieren und umplanen. Das ist oft aufwändig und schwierig. Umso entscheidender ist eine gute Kommunikation: Die Patienten müssen wirklich jeden einzelnen Schritt und die Abläufe genau verstehen. Wir betreuen hier Betroffene von zwei bis 75 Jahren – jeder benötigt eine ganz individuelle Ansprache und Aufklärung. Da spielen natürlich auch große Ängste mit. Bei Suchläufen, die sich schwierig gestalten und wo man nicht sofort einen passenden Spender findet, stehen natürlich Fragen im Raum wie: „Muss ich jetzt sterben?“ und „Was ist, wenn die Krankheit jetzt fortschreitet und ich nie einen Spender finde?“

Da ist sicher sehr viel psychologisches Geschick und Einfühlungsvermögen gefragt…

Ja, auf jeden Fall. Wir haben deshalb auch eine Psychologin hier in unserer Abteilung, die viele Gespräche führt. Aber über die Jahre habe ich sehr viel Fingerspitzengefühl entwickelt und kann auch schwierige Gespräche führen, zum Beispiel, wenn wir in seltenen Fällen wirklich keinen geeigneten Stammzellspender finden. Ich nehme mir immer viel Zeit für jeden Einzelnen und will immer ansprechbar sein. Empathie, Beistand, Präsenz und Engagement über die normalen Arbeitszeiten hinaus gehört für mich unbedingt dazu.

Was ist denn Ihr persönlicher Ausgleich zu Ihrem mitunter sehr stressigen Job?

Meine Familie, meine Frau, meine vier Kinder – die halten mich auf Trab (lacht). Und ich fahre sehr gerne Fahrrad und mache ausgedehnte Mountainbike-Touren hier im Rhein-Neckar-Kreis. Gemeinsam mit einem guten Freund, der erblindet ist, starte ich auch oft zu größeren Tandem-Touren. Bis zu 170 Kilometer schaffen wir an einem Tag. Das ist mein Ausgleich. Aber ich gebe zu: Manchmal fällt es mir sehr schwer abzuschalten, aber es muss sein. Ich stelle fest, dass ich für Alltagsprobleme gar nicht mehr so empfänglich bin. Ich weiß durch so viele einzelne Schicksale, dass es jeden von uns jederzeit treffen kann. Deshalb versuche ich, mein Leben zu genießen und mir nicht wegen Kleinigkeiten Sorgen zu machen oder mich zu ärgern.

Welche Probleme können denn auftreten und was war ihr spannendster Fall?

Ich beauftrage ja unter anderem den Kurierdienst mit der Abholung des Transplantats, manchmal rund um den Globus, und verfolge den Transportweg bis zu uns, damit es innerhalb eines festen Zeitfensters zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ankommt. Dann bin ich natürlich auch rund um die Uhr ansprechbar. Was ich nie vergesse: Vor einigen Jahren hatten wir eine Knochenmarkentnahme für einen unserer Patienten in den USA, da meldete sich die Kurierin nachts um 0.30 Uhr. Sie war durch einen Übermittlungsfehler in einer falschen Klinik gelandet, um das Transplantat abzuholen. Diese Klinik war an der Westküste, sie musste aber an die Ostküste… Es wurde dann in kürzester Zeit mit allen Beteiligten ein neuer Reiseplan entwickelt und die Sicherheitsbehörden am Flughafen wurden informiert. Was wir aber nicht wussten: An der Westküste gab es sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen. Die Kurierin musste schließlich von der Polizei zum Flughafen gelotst werden. Das war wirklich dramatisch und spannend, ich habe so mitgefiebert, aber am Ende hat alles funktioniert und unser Patient konnte zum Glück ohne zeitliche Verzögerungen transplantiert werden.

Was wäre denn gewesen, wenn das nicht funktioniert hätte?

Unser Bestreben ist immer, schon im Vorfeld Back-up-Spender zu identifizieren und tatsächlich gibt es in nicht wenigen Fällen ja auch tatsächlich Ersatzspender, die schnell zur Verfügung stehen. Die DKMS zum Beispiel hat ja auch ein gutes Ersatzspenderprogramm, das dann greift. Das bekommt der Patient manchmal gar nicht mit. Und der Work-Up, also die Vorbereitung von Stammzellspendern, geht heute manchmal so schnell: Wenn ich heute um 14 Uhr die DKMS um einen konkreten Spender aus der Vorauswahl anfrage, habe ich teilweise schon am Folgetag morgens um 7 Uhr die komplette Terminplanung auf dem Tisch. Nur in wenigen Fällen muss die Transplantation verschoben werden.

Was ist der größte Unterschied von früher zu heute?

Früher war die Verfügbarkeit von Spender sehr viel geringer. Als ich 1999 angefangen habe, da war es nicht selbstverständlich, überhaupt einen Spender für einen Patienten zu finden. Die Suchzeiten zogen sich teilweise über drei bis fünf Monate hin, insbesondere bei Suchen in ausländischen Dateien. Es gab einfach nicht die professionellen Strukturen wie heute. Das war sehr schwierig. Heute finden wir hier bei uns für rund 90 Prozent unserer deutschstämmigen Patienten, die eine Stammzelltransplantation benötigen, einen geeigneten Spender. Es ist mir deshalb eine große Freude, dass heute viel mehr Patienten mit einer Stammzelltransplantation eines geeigneten Spenders geholfen werden kann. Es gibt mehr verfügbare Spender, bessere Medikamente, die Logistik ist besser geworden und wir haben viel mehr Informationen gewonnen, die am Ende dazu beitragen, die Situation von Patienten zu verbessern. Es ist schön, an dieser Entwicklung mitgearbeitet zu haben.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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