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9. April 2020, News in Organisation & Transparenz

„Ich bin sehr stolz darauf, Teil dieser DKMS-Familie zu sein“

Interview mit Dr. Elke Neujahr, Vorsitzende der Geschäftsführung und Global CEO der DKMS Gruppe

Die Coronapandemie bestimmt derzeit weltweit die Geschehnisse und ist in ihren Konsequenzen noch nicht abzusehen. Auch die DKMS ist, wie die meisten Unternehmen und Organisationen, mit großen Herausforderungen konfrontiert. Blutkrebspatienten brauchen auch aktuell Hilfe und Unterstützung und die DKMS arbeitet rund um die Uhr, um zu gewährleisten, dass auch weiterhin Patienten eine zweite Chance auf Leben durch unsere Spender ermöglicht wird. Das ist auch eine große Herausforderung für weltweit 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DKMS, wenn es um Prozesse und Abläufe geht, die seit Jahren perfektioniert wurden und jetzt mit spontanen und kreativen Lösungen kombiniert werden müssen. Angefangen bei Dr. Elke Neujahr, der Vorsitzenden der DKMS gemeinnützige GmbH und Global CEO der DKMS Gruppe. Sie führt die gesamte Mannschaft auch durch diese aktuelle Krise und hat uns im Interview erzählt, was das für die DKMS als Organisation und für sie selbst bedeutet.

Frau Dr. Neujahr, was sind die größten Herausforderungen der DKMS in Zeiten von Corona?

Uns bei der DKMS liegen zwei Themen in der Coronakrise besonders am Herzen: Für die Sicherheit unserer Spender sorgen und die Stammzellprodukte angesichts geschlossener Grenzen und gestrichener Flüge zuverlässig zu den Patienten bringen.

Drei Viertel der lebensrettenden Stammzellen von DKMS-Spendern aus Deutschland gehen über Grenzen hinweg zu Blutkrebspatienten in anderen Ländern.

Weltweit ermöglichen wir täglich 20 neue Lebenschancen. 20mal pro Tag organisieren wir die lebensrettende medizinische Fracht ins In- und Ausland. Das ist ein zeitkritisches Unterfangen, denn die Stammzellen müssen rechtzeitig beim Patienten in Not ankommen. Bisher ist uns dies wegen des unermüdlichen Einsatzes aller Beteiligten in jedem einzelnen Fall gelungen. Und das trotz Einreisebeschränkungen und massiver Behinderungen. Das macht mich sehr froh.

Jeden Tag kämpfen wir aufs Neue, um die Stammzellen an ihren Bestimmungsort zu bringen. Zum Glück habe ich viele großartige Kolleginnen und Kollegen an meiner Seite, die gerade jetzt alles geben, damit wir den Menschen, die zu Recht auf uns bauen, eine zweite Lebenschance ermöglichen. Allen Spendern möchte ich herzlich danken, dass sie in Abstimmung mit uns weiterhin sicher zu den Entnahmezentren reisen, um uns bei dieser Mission so selbstlos unterstützen.

Wo mussten Sie umdenken?

Im Grunde überall. Ganz massiv aber beim Thema internationale Transporte von Stammzellspenden. Ein Hauptproblem neben den aktuellen Einreisebeschränkungen ist, dass auch die normalen Passagierflüge drastisch reduziert wurden. Zusammen mit höchst engagierten Fluggesellschaften wie Lufthansa und den internationalen Kurierunternehmen time:matters und Ontime Courier ist es uns gelungen, ein neues Transportverfahren auf den Weg zu bringen. Die kostbaren Stammzellspenden werden jetzt von den Piloten mit ins Cockpit von Frachtflugzeugen genommen. Ein neuer Standard, der uns gerade jetzt sehr hilft, Blutkrebspatienten zu versorgen. Seit dieser Woche finden alle Transporte in die USA nur noch auf diesem Weg statt. Auch für die Kuriere auf europäischer Ebene gibt es inzwischen eine Lösung. Gemeinsam mit unseren langjährigen Partnern und Unterstützern haben wir erreicht, dass für sie Ausnahmeregelungen gelten.

Und wie gehen Sie mit den Einreisebeschränkungen um?

Mit sehr viel Hintergrundarbeit und Unterstützung aus dem politischen Bereich und vor allem einer sehr guten Vernetzung aller beteiligten nationalen und internationalen Partner – darunter Entnahmekliniken, Transplantationszentren, Kurier- und Transportunternehmen und Luftfahrtgesellschaften. Im vergangenen Monat konnten wir, vor allem dank der World Marrow Donor Association (WMDA) und des US-amerikanischen Stammzellspenderregisters NMDP/Be The Match, zwei Ausnahmegenehmigungen der Europäischen Kommission und des US-Zentrums für Seuchenkontrolle und -prävention nutzen, um den internationalen Transport von Stammzellen zu erleichtern. Dennoch müssen wir immer noch jeden Tag mit Hochdruck neue individuelle Lösungen für Transporte in manche Länder finden.

Welche denn zum Beispiel?

Wir haben zum Beispiel in Litauen eine wirklich tolle Lösung gefunden. Seit Corona bringen wir unser Stammzellprodukt mit einem Kurier an die deutsch-polnische Grenze. Dort wird es dann von einem polnischen Logistikunternehmen übernommen. Ein Trucker bringt die Stammzellen quer durch Polen im LKW an die litauische Grenze und übergibt sie dort an einen Kurier, der das Transplantat sicher in die Klinik des Patienten transportiert. Dabei wird er ständig durch GPS getrackt und das Headquarter verfolgt seine Route. Die LKW-Fahrer, so habe ich gehört, sind unglaublich engagiert und wollen unsere Produkte in einem Rutsch sicher durch das Land bringen. Diese Begeisterung und Kreativität in der Zusammenarbeit, die jetzt möglich wird, beeindruckt mich zutiefst. Blutkrebs hat keine Quarantäne und auch keine Grenzen. Es bewegt mich sehr, dass wir so viele Mitstreiter an unserer Seite haben und alles funktioniert wie am Schnürchen. Hand in Hand. Egal welche Hürden es zu überwinden gilt. Dieser Zusammenhalt ist einfach überwältigend.

Die meisten Ihrer Mitarbeiter arbeiten ja am Standort Deutschland – wie hat sich die Organisation hier auf die Krise eingestellt?

Ich bin gemeinsam mit meinem Senior Leadership Team verantwortlich für weltweit 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie arbeiten an unseren Standorten in Deutschland, USA, UK, Polen, Chile und Indien, davon 425 in Deutschland. Bei uns gab es bereits ein weltweit verantwortliches Pandemie-Team und eine internationale Expertengruppe, die wir sehr frühzeitig aktivieren konnten. Wir beraten uns täglich. Seit Beginn der Coronakrise beobachten wir die Situation in Echtzeit, sprechen klare Empfehlungen aus, treffen Entscheidungen und setzen sie möglichst schnell um. Zum Schutz unserer Mitarbeiter und zur Sicherstellung der Abläufe innerhalb der Organisation war mir wichtig, dass alle frühzeitig und gut vorbereitet ins mobile Arbeiten wechseln konnten. Es ist unglaublich, in welch kurzer Zeit wir zum Beispiel unser IT-Equipment auf die neuen Herausforderungen ausgerichtet haben. Alle Mitarbeiter werden weltweit mit regelmäßigen Updates versorgt und laufend geschult. Wir bleiben im Kontakt – machen weltweit Mitarbeiterversammlungen.

Zum Schutz der Bevölkerung haben wir ebenfalls schon sehr früh entschieden, unsere Registrierungsaktionen vor Ort auf Online-Registrierungsaktionen umzustellen. Auch dafür haben wir zügig die technischen Voraussetzungen geschaffen. Das war zunächst ein schmerzhafter Einschnitt, aber unumgänglich: Inzwischen nehmen die Menschen vermehrt unser Angebot an, Online-Registrierungsaktionen zu organisieren. Dadurch gelingt es, dass sich weiterhin viele potenzielle Stammzellspender bei der DKMS registrieren lassen.

Die Coronakrise trifft unseren Kern als Stammzellspenderdatei an allen Standorten. In Deutschland sind wir allerdings in besonderer Weise gefordert, weil hier der größte Teil unserer Spender lebt und demzufolge auch die meisten Entnahmen stattfinden. Immerhin haben wir heute weltweit 10 Millionen registrierte Spender in unsere Datenbank aufgenommen, die bereit sind, zu helfen. Das entspricht der Einwohnerzahl einer Weltstadt. Nochmal: Mein großer Dank gilt jedem Einzelnen, der auch in dieser Zeit bereit ist, einem Patienten in Not eine zweite Lebenschance schenken. Unsere Aufgabe bei der DKMS ist es alles, wirklich alles dafür zu tun, auch weiterhin reibungslose Abläufe sicherzustellen und eine bestmögliche Betreuung zu gewährleisten.

Wie sieht es denn derzeit in den anderen Ländern der DKMS aus und wie steuern Sie als Global CEO in so einer Zeit die gesamte Organisation?

Auch ich befinde mich aktuell im mobilen Arbeiten und verbringe die meiste Zeit am Telefon oder in Videokonferenzen – ich stehe rund um die Uhr mit den Standorten im Austausch. Die Erfordernisse sind sehr unterschiedlich: in New York können wir zum Beispiel nicht mehr ins Büro. Wir haben daher den Versand unserer Materialien, die in Vorbereitung der Stammzellentnahme notwendig sind, an einen Dienstleister ausgelagert. Außerdem unterstützen wir Kliniken mit unseren Wattestäbchen für COVID-19-Testungen.

In Indien haben wir einen kompletten Lockdown, der im privaten Bereich noch einmal ganz besondere Herausforderungen für unsere Mitarbeiter bedeutet. Hier unterstützen sich die Teams gegenseitig.  Von und nach Indien sind im Moment auch keine Transporte möglich. Der komplette Lockdown hat aber leider auch zur Folge, dass wir derzeit keine Entnahmen durchführen können.

In Chile haben wir gravierende Ausgehverbote an unserem Sitz in Santiago de Chile. Wir konnten dank des Engagements des Teams vor Ort trotzdem Entnahmen organisieren. Für den Transport haben wir Unterstützung von LATAM Airlines gewonnen, die für uns bereits Stammzellen von Deutschland in das Land organisiert hat. Gemeinsam arbeiten wir auch hier an weiteren Möglichkeiten des Transports.

In UK steht das Gesundheitssystem unter besonderem Druck. Hier arbeiten wir mit Hochdruck daran, Entnahmen zu organisieren. Und auch in UK unterstützen wir die Behörden mit den dringend benötigten Wattestäbchen.

Neben Deutschland kommen viele Spenden auch aus Polen. Unsere Kollegen dort schaffen es durch ihren unermüdlichen Einsatz, dass weiterhin viele Entnahmen stattfinden können. Unsere Kollegin Ewa Magnucka ist Teil des Krisenstabes im polnischen Gesundheitsministeriums und konnte durch ihre Kontakte dazu beitragen, dass sehr schnell Transporte zur deutschen Grenze möglich wurden. Auch hier haben wir bereits mehr als 100.000 Wattestäbchen für COVID-19 Testungen zur Verfügung gestellt.

Es ist für mich überaus erfreulich und bewegend, wie alle unsere DKMS-Standorte gemeinsam an einem Strang ziehen, um unsere Mission zu erfüllen. Ich bin sehr stolz darauf, Teil dieser DKMS-Familie zu sein.

Mit Ihrem eigenen Labor, dem DKMS Life Science Lab, sind Sie jetzt auch aktiv in die Corona-Testung in Deutschland eingestiegen und unterstützen damit die Uniklinik Dresden. Was hat Sie zu diesem Schritt motiviert?

Wir sehen darin die große Chance in dieser besonderen Krisensituation, unser Know-how als weltweit führendes Labor zur Typisierung von Stammzellspendern für die dringend notwendige Ausweitung von Corona-Tests einzusetzen. Wir helfen da, wo es gerade dringend notwendig ist. Die technologische High-Tech-Ausstattung ist in unserem Labor bereits vorhanden, da sie bereits jetzt zur Isolierung von DNA für die Typisierung der Gewebemerkmale von Stammzellspendern verwendet wird. Nun verwenden wir einen Teil unserer vorhandenen Kapazitäten eben für die Unterstützung des Kampfes gegen das Coronavirus. Und wir können und werden, das ist mir wichtig, diese Kapazitäten auch ganz schnell aufstocken. Dazu sind wir bereits in Gesprächen mit den entscheidenden Behörden.

Frau Dr. Neujahr, was wünschen Sie sich für die kommende Zeit?

Ich wünsche mir, dass wir diese Gesundheitskrise möglichst gut und bald überwunden haben. Solange werden wir unsere Kompetenz und unsere Erfahrungen, da wo nutzbringend, zusätzlich in den Dienst gegen das Coronavirus einbringen – denn auch hier geht es um Menschenleben.

Ich bin zuversichtlich, dass wir als DKMS diese schwierige Phase mit vereinten Kräften gut meistern werden. Da gelten mein großer Dank und meine ganze Fürsorge unseren Mitarbeitern und unseren großartigen Spendern. Meine Gedanken sind vor allem auch bei den Patienten, die um ihr Leben kämpfen und die wir nicht im Stich lassen. Unsere Hilfe als DKMS ist dabei noch dringender als je zuvor. Ich bin froh und dankbar für jede Stammzellspende, die ihren Empfänger im vorgegebenen Zeitfenster erreicht. Es geht schlichtweg um Menschenleben.

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