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26. Mai 2021, News in Medizin & Forschung

„Vanessa wollte diesen Kampf gewinnen“

Interview mit Professor Dr. Jochen Greiner, Spezialist für Stammzelltransplantationen am Diakonie-Klinikum Stuttgart

Professor Dr. Jochen Greiner hat der jungen Leukämiepatientin Vanessa vor rund zwei Jahren die Stammzellen eines DKMS Spenders transplantiert. Mit uns hat er darüber gesprochen, was für den Erfolg einer Stammzelltransplantation wichtig ist, wie die weltweite Spendersuche funktioniert und warum die DKMS unbedingt weiterwachsen muss.

Herr Professor Greiner, vor etwa zwei Jahren war Vanessa Ihre Patientin. Wie ist es für Sie, Vanessa heute so zu sehen, glücklich und körperlich wieder bei Kräften?

Das ist wirklich ein großartiges Gefühl – umso mehr, weil die Situation gerade im Fall von Vanessa besonders schwierig war. Sie hatte einen Rückfall erlitten und ihr Leben war wirklich in großer Gefahr. Heute sehe ich eine junge, lebenslustige Frau mit sehr guten Chancen auf dauerhafte Heilung. An einem solchen Erfolg haben immer das gesamte Team und somit viele verschiedene Menschen und Disziplinen einen Anteil – allen voran Vanessas Stammzellspender, ihre Angehörigen, die behandelnden Ärzt:innen und Pflegekräfte, Physiotherapie, Psychoonkologie, Kunst- und Musiktherapeut:innen, Labormitarbeiter:innen bis hin zu den Reinigungskräften, die mit ihren Hygienemaßnahmen für einen bestmöglichen Schutz vor Infektionen sorgen. Und zentral ist bei alledem natürlich der Kampfgeist der Patientin oder des Patienten selbst. Vanessa hat sich von dem Rückfall nicht unterkriegen lassen, sie wollte diesen Kampf gewinnen.

Vanessa litt an einer akuten Leukämie – was macht diese Erkrankung aus und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bei dieser schweren Erkrankung des blutbildenden Systems kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung bösartiger Blutvorläuferzellen im Knochenmark und im Blut. Sie verdrängen die gesunden Blutzellen wie zum Beispiel die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen. Der Sauerstofftransport im Blut, die Immunabwehr und verschiedene andere lebenswichtige Prozesse sind gestört und schließlich nicht mehr möglich.

Es gibt viele verschiedene Unterformen von Leukämien, wir unterscheiden zum Beispiel die Gruppe der chronischen und die akuten Formen. Genetische Marker spielen eine sehr wichtige Rolle und sind entscheidende Risikofakoren. Chronische Leukämien sind heute medikamentös meist sehr gut behandelbar, wenn auch normalerweise nicht heilbar. Die modernen Medikamente wirken gezielt auf den Stoffwechsel und blockieren so sehr effektiv das Wachstum der entarteten Zellen. Bei einer akuten Leukämie reicht die seit vielen Jahren etablierte Chemotherapie bei einem relevanten Teil der Patient:innen nicht aus. Je nach Unterart der Leukämie, Alter und Gesundheitszustand der oder des Betroffenen entscheiden wir, ob sofort eine Stammzelltransplantation notwendig ist oder eine Chemotherapie an erster Stelle steht. Reicht eine Chemotherapie als alleinige Therapie nicht aus oder zeigt nicht den gewünschten Erfolg, ist eine Stammzelltransplantation die einzige Überlebens- und Heilungschance.

Die DKMS feiert diesen Monat ihren 30. Geburtstag, in dieser langen Zeit haben sich auch die Therapiemöglichkeiten für Blutkrebspatient:innen weiterentwickelt. Wie schätzen Sie den medizinischen Fortschritt auf diesem Gebiet ein? 

Das Behandlungsspektrum ist insgesamt deutlich breiter und vielseitiger geworden. Die meisten Patient:innen mit chronischen Leukämien können heute mithilfe von hochmodernen Medikamenten, die auf der genetischen Ebene funktionieren, ein Leben nahezu ohne Beeinträchtigungen führen. Bei den akuten Leukämieformen ist nach wie vor die Stammzelltransplantation ein zentraler Baustein der Therapie, und auch hier gab es enorme Entwicklungen: So gibt es heute weniger schwerwiegende Nebenwirkungen und man hat viel darüber gelernt, wie man das Risiko lebensbedrohlicher Komplikationen wie der Graft-versus-host-disease eindämmen kann. Dazu trägt auch die verbesserte Spendersuche bei: Vor 30 Jahren gab es gerade mal einige tausend registrierte Spender:innen, heute sind es allein bei der DKMS 10,7 Millionen. Da ist die Wahrscheinlichkeit natürlich sehr viel größer, eine passende Spenderin oder einen passenden Spender zu finden. Hinzu kommt, dass die HLA-Typisierung potenzieller Spender:innen heute sehr viel detaillierter und in hochaufgelöster Form stattfindet. Mit diesen Informationen können wir behandelnden Ärzt:innen die Spender:innen für unsere Patient:innen sehr viel passgenauer auswählen als früher. Auch Fortschritte bei der Virenbekämpfung und der Behandlung von Pilzerkrankungen haben dazu beigetragen, Stammzelltransplantationen erfolgreicher und sicherer zu machen. Insgesamt waren es in den letzten drei Jahrzehnten sehr viele kleine und große Schritte, die in ihrem Zusammenspiel die Überlebens- und Heilungschancen von Leukämiepatient:innen erheblich verbessert haben.

Bei der DKMS geben wir täglich unser Bestes, damit so viele Blutkrebspatient:innen wie möglich eine:n passende:n Spender:in finden. Dazu gehört auch, den Prozess der Spendersuche so einfach und effektiv wie möglich zu gestalten. Als behandelnder Arzt befinden Sie sich sozusagen auf der anderen Seite dieses Prozesses: Sie und Ihr Team gehen mit Hochdruck auf die Suche nach dem perfekten „Match“ für Ihre Patientin oder Ihren Patienten. Wie genau müssen wir uns das vorstellen?

Am Anfang steht die Typisierung der Patient:innen im Hinblick auf ihre HLA-Merkmale und einige andere Parameter, die ja mit denen des potenziellen Spenders übereinstimmen müssen. Dann übernehmen die Suchkoordinator:innen: Sie haben bei uns und auch in anderen Transplantationskliniken die Aufgabe, mithilfe des Typisierungsprofils und einiger weiterer Informationen mögliche Spender:innen zu finden. Wenn dies innerhalb der Familie der Patientin oder des Patienten nicht gelingt, wenden sie sich mit einem dafür bestimmten Formular an die weltweiten Suchregister. Darin sind alle registrierten potenziellen Stammzellspender:innen gelistet.

Wie hervorragend die weltweite Spendersuche organisiert ist und wie die zahlreichen Räder dieser Infrastruktur ineinandergreifen, finde ich immer wieder höchst beeindruckend. Was in so vielen anderen Lebensbereichen nicht möglich ist, funktioniert bei der Spendersuche quasi reibungslos: Über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg arbeiten Menschen Hand in Hand, äußerst engagiert und auf höchstem Niveau zusammen. Darauf kann man sich wirklich verlassen – und das ist ein gutes Gefühl, denn es geht in jedem einzelnen Fall um ein Menschenleben. Wenn alles so gut funktionieren würde wie die weltweite Spendersuche, dann hätten wir einige Probleme weniger. Als weltweit größte Spenderdatei nimmt die DKMS dabei eine Schlüsselfunktion ein.

Manchmal kommt es zumindest hierzulande vor, dass die Suchkoorinator:innen mehrere Spender:innen finden, die qua ihrer HLA-Merkmale für eine Patientin oder einen Patienten in Frage kommen. Die Entscheidung, wer es letzten Endes wird, treffen Sie als behandelnder Arzt. Welche Kriterien sind dabei ausschlaggebend?

Über die HLA-Merkmale hinaus gibt es noch einige andere Faktoren, die für den Erfolg einer Stammzelltransplantation und für die Spendersuche relevant sind. Dazu gehört zum Beispiel der CMV-Status, der – ebenso wie die HLA-Merkmale – übereinstimmen sollte. Auch das Geschlecht bei Spender:in und Patient:in spielt eine Rolle, genauso wie das Alter des Spenders. Das alles sind, im Gegensatz zu den HLA-Merkmalen, aber eher weichere Faktoren, die dann ins Gewicht fallen, wenn man die Wahl zwischen verschiedenen Spender:innen hat. Und das ist bei Weitem nicht immer der Fall – eine.r von zehn Patient:innen in Deutschland findet überhaupt keine:n passende:n Spender:in, weltweit sogar vier von zehn.

Wie finden Sie es, dass sich Menschen aus freien Stücken dazu bereit erklären, mit ihren Stammzellen Patient:innen zu helfen, die ihnen völlig unbekannt sind?

Das finde ich absolut großartig! Es ist gut, dass sich immer wieder Menschen in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Eine Stammzellspende ist eine tolle Möglichkeit, zu helfen und sogar Leben zu retten. Dass sich jetzt und auch künftig so viele Menschen wie möglich als potenzielle Stammzellspender:innen registrieren lassen, ist sehr wichtig – denn mit jedem Einzelnen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Blutkrebspatient:innen eine passende Spenderin oder einen passenden Spender finden.

Gibt es etwas, das Sie der DKMS für die nächsten 30 Jahre mit auf den Weg geben möchten – oder vielleicht auch etwas, das Sie sich von uns wünschen?

Ich wünsche mir, dass sich die DKMS weiter so engagiert, mit so viel geballter Kraft und auf einem so hohen Niveau für den Kampf Blutkrebs einsetzt. Und dass sich auch künftig viele, viele Menschen dazu bereit erklären, ihre Stammzellen für Patient:innen in Not zu spenden. Wenn aus Altersgründen potenzielle Spender:innen aus der Datei ausscheiden, müssen immer wieder junge Menschen nachkommen. Die Datei darf auf keinen Fall kleiner werden. Sie muss weiterwachsen.

Vielen Dank für das Interview!

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