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2. Februar 2022, News in Partner & Netzwerk

Im DKMS Talk: Wacken-Moderator über seine Knochenmarkspende

„Wir hatten so etwas wie einen Sechser im Lotto miteinander. Dafür bin ich dankbar.“

Mit einer Knochenmarkspende gab Mateusz Czyzewski einem an Blutkrebs erkrankten Amerikaner eine Chance auf Weiterleben. Für den Berliner war dies selbstverständlich und eine echte Herzensangelegenheit. Zwei Jahre nach der Spende lernte er „seinen“ mittlerweile leider verstorbenen Patienten Fritz virtuell kennen. Es entstand zwischen beiden eine enge Verbindung und sie entdeckten viele Gemeinsamkeiten, wie Mateusz im Interview mit dem DKMS Redaktionsteam berichtet. Thema des Gesprächs war auch das enorme soziale Engagement der Metalfamilie. Mateusz moderiert seit Jahren auf dem Wacken Open Air (W:O:A) unter anderem den Nachwuchswettbewerb „Metal Battle“. Den langjährigen Einsatz des Wackenteams für die DKMS findet er vorbildlich.

Im Mai 2012 hatte sich Mateusz als potenzieller Spender in die DKMS aufnehmen lassen, sein Arbeitgeber bot damals eine Registrierungsaktion für die Mitarbeiter:innen an. „Ich bin normalerweise im Außendienst. An dem Tag war ich im Büro und bin mit einer Kollegin zum Mittagsessen gegangen. Auf dem Weg zur Kantine kamen wir dort vorbei und ich habe kurzerhand mitgemacht: Stäbchen rein, Spender sein. Fünf Minuten später saß ich über meiner Currywurst“, berichtet der 39-jährige Mateusz Czyzewski. „Einige Zeit später bekam ich ein Schreiben, dass jemand möglicherweise meine Hilfe benötigt. Das war ein total abgefahrenes Gefühl. Mir sind viele Dinge durch den Kopf gegangen. Zum einen: Wow, da hat jemand ganz dringend gewartet, dass ich mich anmelde. Zum anderen habe ich das auf meine Familie projiziert. Was ist, wenn so etwas in der eigenen Familie oder im Freundeskreis passiert? Darum war mir sofort klar, dass ich helfen werde. Ab diesem Moment habe ich eine Art Verbindung oder eher Verantwortung für mich und für den anderen gespürt.“

Es folgten Voruntersuchungen, ein umfassender medizinischer Check sowie die eigentliche Knochenmarkentnahme. In 90 Prozent der Fälle werden aktuell die benötigten Stammzellen aus der Blutbahn entnommen. Abhängig von den Bedürfnissen des Patienten oder der Patientin kann es medizinisch notwendig sein, dass dem Spender oder der Spenderin unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird. Bei dieser Methode wird unter Vollnarkose mit einer Punktionsnadel zirka ein Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenkamm entnommen. Darin befinden sich rund fünf Prozent des Gesamtknochenmarks, das sich innerhalb weniger Wochen wieder vollständig im Körper regeneriert. Für die Entnahme genügen in der Regel zwei kleine Einschnitte im Bereich des hinteren Beckenknochens. Das Risiko beschränkt sich im Wesentlichen auf die Narkose.

Lieber Mateusz, ganz herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst. Was bedeutet es für Dich, dass Du einem Patienten eine Lebenschance geben konntest?

Das hat ganz viel mit mir gemacht und meine Einstellung zu vielen Dingen nachhaltig geändert. Wenn mich heute jemand fragt, worauf ich in meinem Leben stolz bin, stelle ich dies immer vorne an. Ich bin dankbar, dass ich spenden durfte. Es betrifft ja nicht nur den Patienten, sondern auch Familie und Freunde. Die leiden bei einer Krankheit im näheren Umfeld auch mit. Ich war in diesem Fall das fehlende Puzzlestück und das war toll.

Was weißt Du denn über „Deinen“ Empfänger? Habt ihr Kontakt zueinander aufgenommen?

Ich war natürlich neugierig, auch schon vor dem Eingriff. Die DKMS macht das super und verrät vorab nichts: Weder ob Mann oder Frau, das Alter noch die Nationalität. Am Ende des Tages ist es ja auch völlig egal, ob jemand zum Beispiel sieben oder 70 Jahre alt ist – jeder verdient diese Chance auf Leben. Ich finde es cool, dass man ganz unvoreingenommen in die Spende rein geht. Und man der DKMS und den weiteren Organisatoren sein Vertrauen schenkt, dass die sich um alles kümmern.

Nach der Spende habe ich erfahren, dass es sich um einen Mann aus Nordamerika handelt. Ich habe dann beschlossen, dass ich nach Ablauf der Anonymitätsfrist von zwei Jahren Kontakt zu ihm aufbauen und ihn gerne kennenlernen möchte. Die zwei Jahre sind ins Land gegangen, ich habe bei der DKMS nochmal angefragt und mir wurde versichert, dass angefragt wurde. Ein Jahr danach, ich hatte kaum noch damit gerechnet, kam die schöne Nachricht von der DKMS und die Adressen wurde ausgetauscht. Ich war damals im Büro und völlig aufgeregt. Ich hatte auf einmal Name, Vorname und eine E-Mail-Adresse des Patienten. Noch am gleichen Tag habe ich ihm geschrieben.

Ich erfuhr, dass mein Empfänger Fritz heißt und in New Jersey geboren und aufgewachsen ist. Er war zu dem Zeitpunkt Mitte 60 und von vielen verschiedenen Krankheiten gezeichnet, die Leukämie war aber eine der Bedrohlichsten. Wir haben schnell festgestellt, dass wir viele gleiche Hobbys haben. Ich habe einen Spleen für alte Autos und er hatte lange einen Handel für europäische Motorrad-Oldtimer. Und auch dass uns die Musik verbunden hat war total schön – Fritz war Berufsmusiker. Wir haben viel hin und her geschrieben, ganz viel geskyped und es war total ergreifend. Wir fühlten uns gleich ganz eng verbunden.

Neben den gemeinsamen Hobbys habt ihr noch eine weitere Verbindung zwischen euch festgestellt. Welche war das denn?

Es stellte sich heraus, dass wir eine ähnliche Herkunft haben. Das ist vor allem auch spannend, weil es ja bei der Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger auch darauf ankommt. Fritz ist der Sohn eines tschechischen Einwanderers. Ich wiederum bin in Wloclawek geboren, das ist ziemlich zentral in Polen in der Nähe von Torun. Aufgewachsen bin ich als Küstenkind in Schleswig-Holstein und habe gefühlt schon immer in Deutschland meinen Lebensmittelpunkt gehabt. An die Zeit damals in Polen habe ich kaum eine Erinnerung mehr. Für mich ist meine Heimat also nicht mein Geburtsort, sondern ist dort, wo meine Familie lebt.

Meine Mutter war 26 Jahre alt, als sie mit drei kleinen Kindern nach Deutschland gekommen ist. Ich war mit fünf Jahren der Älteste und wir sprachen alle kein Wort Deutsch. Ins Ausland zu gehen war eigentlich nichts, was sie sich für das ganze Leben vorgenommen hatte. Doch es wurde damals für meine Familie so gefährlich, dass sie sich zu diesem Schritt entschieden. Dafür zolle ich meiner Mutter jeden Tag großen Respekt.

Wie ging es mit Deiner Freundschaft zu Fritz weiter? Habt ihr euch auch persönlich getroffen?

Wir haben ab dem Zeitpunkt regelmäßig miteinander gesprochen und uns ausgetauscht. Wir wollten uns auch immer treffen – allerdings war Fritz gezeichnet von anderen Krankheiten, saß im Rollstuhl und war nicht besonders mobil. Es ist also dabei geblieben, dass wir nur virtuellen Kontakt hatten. Letztlich ist er an einer anderen Krebsart gestorben. Wirklich rührend und ergreifend war, dass er mir eine Botschaft mitgegeben hat. Sie lautete, dass er durch die Knochenmarkspende wertvolle Zeit gewonnen hat. Zeit, um seine Dinge zu organisieren und um sich und sein Umfeld auf das ganze Thema Tod vorzubereiten. Er hat so nochmal fast fünf Jahre gehabt.

Denkst Du noch häufig an Fritz?

Ja, natürlich. Es fällt mir schwer, dass er letztlich doch nicht hundert Jahre alt geworden ist, was ich ihm sehr gewünscht hätte. Aber er ist fünf Jahre älter geworden, was ohne die Spende sicherlich nicht möglich gewesen wäre. Ich bin dankbar, dass wir uns überhaupt kennen lernen durften. Die Wahrscheinlichkeit dafür hätte „im normalen Leben“ bei null Prozent gelegen. Wir hatten so etwas wie einen Sechser im Lotto miteinander. Und so empfinde ich es auch bis heute.

Fritz und Du teilten die Begeisterung für Musik. So bist Du seit langem Teil der Community des Wacken Open Air (W:O:A), womit sich quasi der Kreis schließt. Denn das Wackenteam rund um die Gründer Thomas Jensen und Holger Hübner unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit DKMS. Was bedeutet dies für Dich?

Ich finde es großartig und es bedeutet mir viel, dass soziales Engagement dort so einen hohen Stellenwert hat.

Thomas und Holger haben nicht nur ein großartiges Festival und den ganzen Kosmos drumherum erschaffen – sondern sie haben auch eine riesige, tolle Community hinter sich stehen. Diese Community ist vielleicht erstmal nicht jedem zugänglich. Wenn aber Vorbilder wie Thomas und Holger den Zugang zu einer so großen Menschenmasse ermöglichen, hat das natürlich Einfluss. Zum Beispiel darauf, dass die Metalfans bei den Registrierungsaufrufen mitmachen.

Und da sage ich, Hut ab! Großen Respekt davor und auch meinen großen Dank an die beiden, dass sie ihre Reichweite für solch wichtige Dinge nutzen.

Ich bin eigentlich kein waschechter Metalhead, sondern im Herzen Rock’ n’ Roller. Ich habe immer das Gefühl, als Metalfan muss man geboren sein. Und das bin ich nicht. Ich bin auf anderem Wege zum Metal gekommen. Und zwar bin ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, während des Festivals die Moderation mehrerer Bühnen zu übernehmen. Ich wusste erst gar nicht, was mich erwartet. Und dann habe ich zwei Bühnen in der so genannten ‚Bullhead City‘ betreut – das ist ein riesengroßes Zelt für bis zu 10.000 Zuschauer. Im Wesentlichen habe ich da die Bands für den Nachwuchswettbewerb ‚Metal Battle‘ angesagt.

Wacken hat ja nicht nur seine Headliner, also die großen Stars der Szene, die auftreten. Sie kümmern sich auch wahnsinnig gut um den Nachwuchs und damit um Bands, die in den nächsten Jahren die Chance haben sollen, bekannt zu werden. Das zeichnet Wacken und die Metalcommunity eben auch total aus. Die Leute stehen füreinander ein und denken nachhaltig.

Hast Du noch eine Botschaft, die Dir wichtig ist?

Meine Botschaft und vor allem meine Bitte lautet: Lasst euch registrieren. Das geht ganz einfach über dkms.de/wacken. Es kann jeden treffen und es ist wirklich überwältigend, wenn man dann jemandem helfen und ihm eine Lebenschance geben kann.

Lieber Mateusz, herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Metalszene bewegt die Menschen: Lesen Sie hier die bewegende Geschichte von Emanuel „Emy“ Bernhard.  Der 46-Jährige gehört ebenfalls seit Langem zur Wacken-Familie und betreut den Nachwuchswettbewerb „Metal Battle“ für Rumänien. 2016 spendete er  Knochenmark und gab so einer Patientin eine Lebenschance.

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